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19. Dezember 2018 |
Tipps für Anfänger Kaninchenrassen Schaukalender

Siamesenkaninchen

Siamesenkaninchen  blau, Dieter Bach, Pforzheim
1,0 Siamesenkaninchen blau 
22. Bundes-Rammlerschau Kassel 2009
97,0 Punkte Dieter Bach, Pforzheim

Experte für Siamesen- und Marderkaninchen Joachim Kapp berichtet

Obwohl an das Siamesenkaninchen in Form, Bau und Fell die gleichen Anforderungen wie an das Marderkaninchen gestellt werden, gibt es doch erhebliche Unterschiede. Während man beim Marder im Alter von 3 bis 5 Monaten schon die geforderte Form erkennen kann, sind die Siamesen im gleichen Alter noch weit zurück. Sie wirken recht schmal und spitz. Dies mag auch mit der Haarstruktur und der Haarlänge zusammenhängen. Siamesen haben kürzeres Haar. Dies ist für die Abzeichen und besonders den Rückenstreifen sehr wichtig.
In der Gewichtsentwicklung stehen Siamesen den Mardern nicht nach, aber die Form bildet sich erst aus, wenn die Tiere fast ausgewachsen sind. Gerade bei Jungtierbewertungen sollte man Marder- nicht mit Siamesenkaninchen vergleichen. Auch bei ausgewachsenen Tieren ist der Vergleich nicht angebracht, da das Siamesenkaninchen im Bau viel feiner ist.

Wie auch das Marderkaninchen ist das Siamesenkaninchen ein Teilalbino. Die Siamesenkaninchen gehören zu den jüngeren Rassen. Die Rasse entstand um 1920. In der Fachliteratur tauchte der Name Siames Rabbits (Siamesenkaninchen) erstmals 1923 auf. Der englische Züchter Irving aus Freshfield brachte damals diese hellere Form der Marderkaninchen heraus. Danach wurde es wieder völlig still um die Siames Rabbits. Sie gerieten in Vergessenheit.

Um 1930 wurden beim Gärtnermeister Emil Thomsen aus Hamburg-Stellingen, dem Herauszüchter der Marderkaninchen, ebenfalls solche hellen, cremefarbigen Tiere mit marderähnlichen Abzeichen geboren. Wieder war es Altmeister Friedrich Joppich, der nach dem Tod von Emil Thomsen diesen Tieren seine besondere Aufmerksamkeit schenkte. Da die Kaninchen nach der vollen Ausfärbung viel Ähnlichkeit mit der Siamkatze hatten, bezeichnete er sie als Siamesen. Da es aber auch die englischen Siamesen gab, nannte er sie „Deutsche Siamesen“. Sie wurden auch als madagaskarfarbige Marderkaninchen bezeichnet.

Friedrich Joppich trat damals mit Prof. Nachtsheim in Verbindung. Er berichtete ihm von der eigenwilligen Art der Färbung dieser aus einer Rassenkreuzung entstandenen Deutschen Siamesen. In einem Brief, der sich als Original im Besitz von Alfred Franke befindet, schrieb Prof. Nachtsheim am 2. Juli 1934 an Friedrich Joppich: „Die Mitteilung über Ihre Deutschen Siamesen waren für mich ebenfalls sehr interessant. Ihrer Erbbeschaffenheit nach sind diese Tiere "Madagaskarfarbige Marder". Ich habe sie vor einigen Jahren auch schon gezüchtet, muß allerdings gestehen, daß ich mich nicht recht für diesen Typ begeistern konnte. Aus diesem Grunde habe ich auch gesagt, daß bei der Kreuzung von Mardern mit Thüringern nichts Rechtes bei herauskommt. Ein Bild meiner damals gezüchteten Tiere lege ich bei. In meiner 1929 veröffentlichten Arbeit "Die Entstehung der Kaninchenrassen im Lichte ihrer Genetik" finden Sie sogar ein buntes Bild meiner gelben Marder.“

Diese Aufzeichnungen über die Entstehungsgeschichte sind sehr wertvoll, da sie klar zum Ausdruck bringen, wie und wann sie entstanden sind. Es ist anzunehmen, daß bewußt oder unbewußt Thüringerkaninchen eingekreuzt wurden. Um der gelben Farbe der Siamesen mehr Intensität zu geben, spielten auch Sachsengold eine Rolle.  Als 1973 der Standard der sozialistischen Länder erarbeitet wurde, waren die Siamesen darin vertreten. Leider gab es aber keine Siamesen mehr! Also erzüchtete ich Siamesenkaninchen nach den alten Aufzeichnungen wieder. Neben den angeführten Russen-, Marder- und Thüringerkaninchen setzte ich auch Sachsengold mit ein. Deshalb führte ich die Sachsengold ebenfalls an. Für die Darstellung der Geschichte der Siamesen ist es wichtig, auch einige Worte über die englische Art zu verlieren. Es ist eine helle Marderart mit leichten Abzeichen, jedoch ohne Rückenstreifen. Es hat sich gezeigt, daß auch diese Tiere wie die Marderkaninchen nachdunkeln und mit zwei Jahren die Marderzeichnung tragen. Friedrich Joppich schrieb damals: „Ich betone ausdrücklich das deutsche Siamkaninchen, da in England auch eine Rasse als Siamesen bezeichnet wird, die aber mit der eigentlichen Siamesenfarbe nichts zu tun hat. Ich halte es der besseren Verständlichkeit halber für notwendig, daß man eine Neuzüchtung immer mit der Benennung führt, die farblich am besten das Dargestellte anzeigt. Da ist wohl der Name Siamesenkaninchen, den ich dieser Züchtung beilegte, der einfachste und verständlichste. Fast jeder, der sich mehr um die Haustierwelt kümmert, kennt die Siamkatze. Danach ist die Züchtung benannt, da sie in voller Übereinstimmung mit der Farbe dieser Katze ist.“

Heute fallen beim Marderkaninchen auch extrem helle Tiere an, die aber mit Siamesen nichts zu tun haben. Diesen Tieren fehlen der Gelbton in der Deckfarbe und die helle Unterfarbe am ganzen Körper. In den meisten Fällen sind es schwächliche Tiere. Außerdem erreichen sie nur schwer das gewünschte Normalgewicht über 2,5 kg.
Ein siamesenähnliches Zuchtprodukt wurde in den vergangenen Jahren in Blau gezeigt. Diese Tiere waren ein Spaltprodukt des damals als Neuzüchtung vorgestellten Farbenschlages der Marderkaninchen, chinchillafarbig. Die Züchtung geht auf Kleinchinchilla zurück, zeigt den Wildfarbigkeitsfaktor und außerdem in der Unterfarbe zonenweise Farbfelder, was als schwerer Fehler gilt. Hinzu kommt noch, daß auch diesen Tieren der Gelbton in der Deckfarbe fehlt.

Die Verbreitung der Siamesen

Gezüchtet wird das Siamesenkaninchen in verschiedenen europäischen Ländern. Als die Rasse in den Einheits-Standard aufgenommen wurde, hatte ich die ehrenvolle Aufgabe, diese Tiere zur Bundestagung in Baunatal vorzustellen.

Großsiam in gelb und blau, Joachim Kapp
Großsiam in gelb und blau, Joachim Kapp
Die Großsiam in gelb (oben) und blau sind in Deutschland nicht zugelassen.
In Tschechien stehen sie im Standard und sollen ein Gewicht von 4 bis 5 kg haben.
Fotos: Kapp

Die vorgestellten Tiere hatten noch große Mängel im Bau und in der Form. Doch es ging darum, den Rassenwert, die Deckfarbe, die Abzeichen und die Unterfarbe deutlich zu machen, was die eigentliche Schönheit dieser Rasse darstellt. Siamesenfarben gab es ja schon beim Satin, beim Zwergwidder und bei den Farbenzwergen. Die Beschreibung ist jedoch unterschiedlich, was eine Uneinigkeit bei der Bewertung zur Folge hat. In einem Artikel schrieb ich 1992 in der Zeitschrift "Kaninchen", daß sich der Züchterkreis in den letzten Jahren erheblich vergrößert hat und in Auswirkung der Bundesschau noch erweitern wird. Heute kann ich die Vorhersage bestätigen, denn es waren auf diesen Großschauen, von der 20. bis zur 23. Bundesschau, immer Siamesen vertreten.

Auf der 20. Bundesschau standen sie erstmals zur Schau. Als sich zur 21. die Zahl der ausgestellten Tiere wieder verringerte, dachte man schon an eine Streichung der Rasse aus dem Einheits-Standard. Es mußte also Werbung für die Rasse betrieben werden. Der Erfolg blieb nicht aus, denn die Zahl der gezeigten Tiere auf der 22. Bundesschau stieg wieder an. Bis dahin wurden die Siamesen in geringer Zahl und immer nur im gelben Farbenschlag gezeigt. Die 23. Bundesschau in Nürnberg brachte dann aber den Durchbruch dieser seltenen Rasse. Neben - man höre und staune - 26 Siamesen in Gelb standen auch erstmals 12 Tiere im blauen Farbenschlag. Ein schöner Erfolg der Clubzüchter, die großen Anteil daran haben.  

 
gelb
blau
gesamt
20 Bundesschau Nürnberg
11
--
11
21. Bundesschau Essen
4
--
4
22. Bundesschau Stuttgart
8
--
8
23. Bundesschau Nürnberg
26
12
38
24. Bundesschau Essen
12
4
16
25. Bundesschau Bremen
4
4
8
26. Bundesschau Stuttgart
4
8
12
27. Bundesschau Nürnberg
12
8
20
28. Bundesschau Bremen
16
8
24
Die Siamensen auf den Bundesschauen

  
Wenn wir heute die Siamesen betrachten, so können wir feststellen, daß es neben dem schönen Rassenwert, auch prima Vertreter in Form und Körperbau gibt. Überdurchschnittlich gut ist das Fell. Viele Tiere haben die richtige Haarlänge und eine sehr gute Struktur.

Diese Rasse ist ein Beweis, wozu eine Züchterschaft in der Lage ist, wenn nach einem einheitlichen Leitfaden gezüchtet wird. Auch hier standen die Clubzüchter wieder in vorderster Linie.
 
Die Feinheiten der Zucht

Wie auch das Marderkaninchen ist das Siamesenkaninchen ein Teilalbino und spalterbig. Die Spalterbigkeit ist genetisch bedingt, wenn Typsiam mit Typsiam verpaart werden. Außerdem besteht die Möglichkeit, dass die Siamesen in der Farbe nochmals aufspalten, weil die Elterntiere in der Farbe spalterbig sind. Das heißt, daß in einem Wurf Siamgelbe auch Siamblaue mit anfallen können. Anerkannt sind die Farbenschläge Gelb und Blau. Die Zucht ist ähnlich der des Marderkaninchens.

ambCDg
anbCDg
gelbsiam, typisch
ambCdg 
anbCdg
blausiam, typisch
 
Erbformeln Siamesenkaninchen

Beginnen sollte man die Zucht mit zwei Typtieren, die nach Standard bewertet wurden. Bewertet werden nur die Typtiere (Bastarde). Dunkelsiam und Russensiam bzw. Siamalbino werden nicht bewertet, sind aber für die Zucht zugelassen. Auch sollte man sich für nur einen Farbenschlag entscheiden. Entweder für Gelb oder Blau.
Es brauchen nicht unbedingt Spitzentiere zu sein, doch im sg-Bereich sollten sie schon liegen. Zu beachten wäre, daß nicht beide Elterntiere die gleichen Mängel aufweisen. Es ist also auf Ausgleich zu paaren, um Fehler des einen Elternteils durch das andere Elterntier auszugleichen.

Russensiam links und Dunkelsiam rechts Dunkel- und Russensiam blau
Dunkel- und Russensiam gelb verpaart ergeben 100% Typtiere. Dunkel- und Russensiam gelb verpaart ergeben 100% Typtiere.                                  Fotos: Kapp

Verpaart man die Typtiere, so kann es sein, dass im Wurf alle Möglichkeiten der Spalterbigkeit anfallen: Typsiam, Dunkelsiam, Russensiam oder Siamalbino. Ob das Aufspaltungsschema von 25 % Dunkelsiam, 50 % Typsiam und 25 % Russensiam bzw. Siamalbino zum Tragen kommt, ist fraglich, da das nur ein theoretisches Verhältnis ist und sich auf viele Tiere aus der gleichen Paarung bezieht. Möglich ist es aber durchaus.

Ist der Wurf gesetzt, bedarf es schon etwas Übung, die einzelnen Farbvarianten zu erkennen. Am Wurftag ist noch keine genaue Farbbestimmung möglich. Alle Tiere sind gleich fleischfarbig. Um genau feststellen zu können, was angefallen ist, sollten die Jungtiere 24 Stunden alt sein. Waren beide Elterntiere reinerbig in der Farbe, so sind die Jungtiere in der Farbe wie die Eltern gelb bzw. blau.

Siamesenkaninchen, Joachim Kapp
4 Tage alter Wurf: davon 2 typ blau, 3 typ gelb,
2 dunkelsiam und 1 russensiam oder Albino.
 
Foto: Kapp

Nach 2 Tagen ist die Farbbestimmung bedeutend einfacher. Die Jungtiere haben jetzt eine Farbe angenommen, wo sich Dunkelsiam, Typsiam, Russensiam oder Albinos deutlich unterscheiden lassen. Es ist günstig, wenn man die Jungtiere bei Tageslicht und nicht nur von oben, sondern auch von allen Seiten betrachtet. Je nach Lichteinfall verändert sich der zarte Farbton der Siamesenjungtiere.
Sind im Wurf alle Farbmöglichkeiten angefallen, so müssen 3 verschiedene Farbvarianten sichtbar sein. Mit Spannung wird überprüft, wie viele von den gewünschten Typtieren gefallen sind. Recht leicht lassen sich die Russensiam oder Albinos erkennen, ihre Farbe ist weiß-fleischfarbig. Die Dunkelsiam sind in der Farbe wie typische braune Marderkaninchen, also blaugrau. Ganz anders dagegen sind die Typsiam. Ihre Farbe ist schwer zu beschreiben. Ich denke, die Bezeichnung pastellblau wäre treffend. Je nach Lichteinfall schillern die Jungtiere, als wäre ein leichter Silberschein vorhanden. Die Nestkontrolle sollte sich nicht nur auf die Farbbestimmung beschränken, sondern auch darauf, ob die Jungtiere gesäugt sind, ob sie alle Gliedmaßen und Ohren haben. Es kann vorkommen, daß die Häsin beim Abnabeln und Ablecken ein Bein oder Ohr abbeißt. Dies muß keine genetische Anlage sein, es kann aus Unerfahrenheit, in den meisten Fällen bei Erstlingshäsinnen, passiert sein. Von solchen mehr oder weniger verstümmelten Jungtieren sollte man sich trennen.
Recht schwierig wird es, wenn die Elterntiere in der Farbe nochmals spalterbig sind. So können sich im Wurf Gelbsiam und Blausiam befinden, aber auch Dunkelsiam in Gelb und Blau sowie Russensiam in beiden Farben. Nicht zu bestimmen ob gelb oder blau sind die Russensiam. Sie kann man erst erkennen, wenn sich nach 8 bis 10 Tagen die Maske ausfärbt.

Siamesenkaninchen, Joachim Kapp Siamesenkaninchen, Joachim Kapp
Typsiam gelb und blau Dunkelsiam, 14 Tage alt, mit deutlichem Seitenstreifen
Siamesenkaninchen, Joachim Kapp Siamesenkaninchen, Joachim Kapp
Typsiam gelb, 8 Wochen alt
 
Typsiam gelb, ca. 20 Wochen alt
Fotos: Kapp

  
Auf die Farbe der Dunkelsiam in Gelb habe ich schon hingewiesen. Die Dunkelsiam in Blau sind etwas heller, ein helles Blaugrau. Die Typsiam in Blau sind fast weiß. Nur ein ganz leichter Schleier von Hellblau liegt auf den Jungtieren. Ein kleiner Anhaltspunkt, ob es sich um Typtiere oder Dunkelsiam handelt, sind die dunkel angedeuteten Augen. Obwohl sie noch geschlossen sind, schimmert Farbstoff hindurch. Zu erwähnen wäre noch, daß die Farbstoffeinlagerung im Zuchtstamm ganz entscheidend ist. Handelt es sich um Tiere mit viel Farbstoff, so sind die Jungtiere im Nest dunkler. Ist weniger Farbstoff im Zuchtstamm eingelagert, so sind die Jungtiere im Nest heller. Die exakte Farbe kann man erst nach 3 bis 4 Tagen feststellen.

Anders als beim Marderkaninchen kann man nach ca. 10 Tagen die spätere Zeichnung erkennen. Das Nesthaar hat sich bereits so entwickelt, daß die Zeichnung sichtbar wird. In diesem Alter kann es durchaus sein, ganz gleich ob es sich um Gelb- oder Blausiam „typisch“ handelt, daß sie einen leichten dunklen Seitenstreifen aufweisen. Dieser Seitenstreifen wäre bei der späteren Bewertung „Ausschluß“. Doch je älter die Tiere werden und sich dann umfärben, um so mehr verliert sich dieser Fehler.
Anders dagegen beim Siam „dunkel“. Hier bleiben die Seitenstreifen bis zum ausgewachsenen Tier und darüber hinaus erhalten.

Zum Vergleich möchte ich zu den Typsiam die Dunkelsiam beschreiben.
Nach 14 Tagen ist es leicht festzustellen, welche Tiere Dunkelsiam sind. Sie haben einen leichten Gelbton auf dem Rücken und kräftige schwarze Seitenstreifen sowie einen dunklen Schleier (gelber Farbenschlag). Diese Dunkelsiam haben Ähnlichkeit mit jungen Thüringerkaninchen, wobei der gelbe Farbton nicht so kräftig ist.
Beim blauen Farbenschlag ist der Farbton in Graublau gehalten. Der Rücken ist gelblich bis cremefarbig. Die Seitenstreifen sind beim blauen Dunkelsiam graublau. Die Dunkelsiam verändern ihre Farbe nur dahingehend, daß sie mit zunehmendem Alter noch dunkler werden, weil sich ein dunkler Schleier ähnlich wie beim Thüringerkaninchen über das Tier ausbreitet. Im Alter von 3 Wochen zeigen die Jungtiere oft einen leicht dunklen Schleier auf der Decke. Bei manchen Tieren sieht es wie eine ausgedehnte Perlung aus. Dieses Merkmal kennen wir auch vom Marderkaninchen. Es deutet auf ansprechende Deckfarbe und Abzeichen hin. Diese Perlung sowie der dunkle Schleier verlieren sich bei der nächsten Umfärbung.
Bisher war überwiegend die Rede vom Typsiamesen und dessen Zeichnung. Die sogenannten Fehlfarben wurden nur am Rande erwähnt. Doch wir Siamesen- und Marderzüchter haben die Möglichkeit, auch diese Fehlfarben zur Zucht zu verwenden. Es wäre grundfalsch, ständig nur Typtiere zur Zucht zu nehmen. Je öfter Typtiere untereinander verpaart werden, um so mehr verliert sich die Farbstoffeinlagerung. Es kann leicht vorkommen, daß die Farbe der Abzeichen fahl wird und daß der Rückenstreifen an Intensität verliert. Er ist dann nicht einmal mehr angedeutet. Es gehört viel Fingerspitzengefühl und Fachkenntnis dazu, um vom Rückenstreifen noch etwas festzustellen. Ein leicht dunkler Schein wird immer sichtbar sein.

Aus diesen Ausführungen geht hervor, dass Russensiam und Dunkelsiam wertvoll für die Zucht sind. Es ist sogar ratsam, wenn die Farbstoffeinlagerung nachläßt, Dunkelsiam an Typsiam anzupaaren. Dadurch wird wieder Farbstoff (Pigment) in den Zuchtstamm gebracht. Dies geschieht aber nicht durch einen Wurf. Es ist zu empfehlen, einen Rammler Dunkelsiam mit allen im Bestand befindlichen Häsinnen Typsiam zu verpaaren. Aus diesen Jungtieren kann man wieder Zuchttiere gewinnen, die genügend Farbstoff tragen. Bei solchen Paarungen wird es aber so sein, daß überwiegend Dunkelsiam anfallen. Die Angaben von 50 % Dunkelsiam und 50 % Typsiam beziehen sich nicht auf einen Wurf.

Besonders wertvoll sind Russensiam, ganz gleich ob blau oder gelb, wenn sie kräftige Abzeichen zeigen. Ich möchte aber nochmals darauf hinweisen, es muß ein Russensiam sein, der in der Zeichnung herausragt. Maske, Ohren, Blume, Läufe, und da besonders die Hinterläufe, müssen ideal gefärbt und gezeichnet sein. Die typischen Siamesen tragen ja nicht nur den Marderfaktor, sondern auch den Russenfaktor. Lassen Maske, Ohren, Blume und Läufe in ihrer Zeichnung Wünsche offen, so kann man, wie bereits angeführt, einen Russensiam einsetzen, damit sich der Russenfaktor wieder verstärkt.
Vom Einsatz der Siamalbino rate ich ab, da sie keine Verbesserungen in Farbe und Zeichnung bringen. Die idealste Paarung für den Ausstellungszüchter wäre Dunkelsiam mit Russensiam. Alle Jungtiere – ganz gleich wie groß der Wurf ist – sind Typsiam. Diese Verpaarung birgt aber auch Nachteile, da Dunkelsiam und Russensiam nicht bewertet werden. Die dazu verwendeten Tiere müssen einer strengen Auslese (Selektion) unterzogen werden. Besonderes Augenmerk sollte auf Durchsetzung und Plattenscheckung gelegt werden. Ebenso verhält es sich mit Augenfehlern, um nur einige Ausschlußfehler anzuführen.

Die Siamesen und ihre Fruchtbarkeit

Obwohl die Siamesen in der Verbreitung und auch in der Anzahl der Zuchten mit anderen Rassen nicht mithalten können, ist die Fruchtbarkeit doch enorm. Und diese hohe Fruchtbarkeit ist von großem Vorteil, da ja in einem großen Wurf auch mehr Typtiere anfallen können. Wenn ich von meiner Zucht den Durchschnitt der Wurfstärke errechne, so komme ich auf 8 Jungtiere pro Wurf. Es ist keine Seltenheit, daß Würfe mit 10 und 12 Jungtieren anfallen. Wie ich von anderen Siamesenzüchtern erfuhr, liegt auch bei ihnen die Wurfstärke in diesem Bereich.
Als Beispiel möchte ich einen 10er-Wurf einer Althäsin im 2. Zuchtjahr anführen. Das Gesamtgewicht dieses Wurfs betrug 500 Gramm. Wenn man bedenkt, daß diese Häsin bereits 3 Würfe mit je 7 Jungtieren aufgezogen hatte, so ist das für eine kleine Rasse ein Spitzenergebnis.

Diese hohe Fruchtbarkeit gilt es zu erhalten, indem immer wieder Tiere aus großen Würfen zur Zucht eingesetzt werden. So wird die Anlage zu großen Würfen auf die Nachkommen übertragen. Ein wichtiger Aspekt in der Zucht ist auch die Anlage zum Nestbau und zur Mütterlichkeit. Von nicht weniger Bedeutung sind die Milch- und die Aufzuchtleistung des Muttertieres. Um die Milchleistung einer Häsin zu prüfen, wurden ihr 8 Jungtiere belassen, die nach 3 Wochen gewogen wurden. Bis zu 3 Wochen ernähren sich die Jungtiere fast ausschließlich von Muttermilch. Beträgt das 3-Wochen-Gewicht zwischen 250 und 300 Gramm, so hat die Häsin eine hohe Milchleistung.
Anmerken möchte ich aber auch, dass diese angegebenen Gewichte von einer Erstlingshäsin nur selten erreicht werden. Die Ursache liegt darin, daß die Organe der Fortpflanzung und Aufzucht noch nicht so ausgebildet sind wie bei einer Häsin, die schon einen Wurf aufgezogen hat.
Während Fruchtbarkeit, Aufzuchtleistung, Nestbau und auch Mütterlichkeit Eigenschaften sind, die vererbt wurden, kann die Milchleistung vom Züchter etwas beeinflußt werden, indem der säugenden Häsin milchbildendes Futter verabreicht wird.
Ein nicht unbedeutender Punkt der Fruchtbarkeit ist die Anzahl der Zitzen der Häsin. Je mehr Zitzen vorhanden sind, um so mehr Jungtiere können gesäugt und aufgezogen werden. Eine hohe Zitzenzahl deutet auf eine hohe Fruchtbarkeit, Milchleistung und Aufzuchtleistung hin. Eine Zuchthäsin sollte 9 Zitzen haben. Will man hohe Zitzenzahl der Nachkommen erhalten, so ist zu empfehlen, auch die zur Zucht vorgesehenen Rammler auf Zitzenanzahl zu überprüfen. Je mehr vorhanden sind, um so besser. Als ideal können 9 Zitzen angesehen werden.

Gewichtsentwicklung

Wochen
Jungtiere
Gramm
3
6 - 7
250 - 300
4
6 - 7
350 - 400
8
6 - 7
700 - 900
12
6 - 7
1.200 - 1.400
16
6 - 7
1.600 - 1.800
20
6 - 7
2.000 - 2.300
24
6 - 7
2.700 u. mehr
Gewichtsentwicklung Siamesen

Diese Angaben sind nur Richtwerte. Fütterung, Haltung, Umwelt und Anlagen des Tieres zum Wachstum spielen dabei eine große Rolle. Auch die Wurfgröße ist von Bedeutung. Sicherlich gibt es auch Zuchten, wo diese Werte weit überschritten werden. Aber auch die Wurfgröße spielt bei der Gewichtsentwicklung in den ersten Wochen eine entscheidende Rolle. Es ist durchaus möglich, dass Tiere mit 5 Monaten das Normalgewicht überschritten haben. Nicht immer ist es vorteilhaft, wenn die Tiere so zeitig das Normalgewicht erreicht haben, z.B. wenn man ausstellen will. Auch das Ausfärben des Felles muß dann abgeschlossen sein. D.h., wenn das Tier das Normalgewicht erreicht hat, sollte es auch in Fell, Deckfarbe und Abzeichen in der „Blüte“ stehen. Leider ist das nicht immer so, denn für die Ausfärbung des Rassenwertes ist ein gewisser Zeitraum notwendig. In den meisten Fällen, wenn alles normal verläuft, ist dies mit 6 Monaten erreicht, dann haben sie aber das Normalgewicht überschritten.
 
Vergleich einer Althäsin zu einer Junghäsin. 
   

Althäsin T 196/4.6.7
Wurfstärke: 10
Wurfgewicht: 500 g
 
Wochen
Tiere
Gewicht ø
3
7
260
4
7
364
8
7
975
Aufzuchtleistung: 7 Tiere
  Junghäsin T 196/1.7.5
Wurfstärke: 9
Wurfgewicht: 400 g
 
Wochen
Tiere
Gewicht ø
3
7
253
4
7
350
8
7
790
Aufzuchtleistung: 7 Tiere
 
Beid
e Häsinnen erhielten die gleichen Futtermittel: Pelletfutter, Küchenabfälle und Heu sowie Wasser zur freien Verfügung.

Die Geheimnisse der Umfärbung

Das Siamesenkaninchen verändert schon sehr zeitig sein Aussehen. Die Jungtiere benötigen ca. 2 Tage, dann kann vom Züchter ohne Schwierigkeiten die Farbe bestimmt werden. Erstaunlich ist jedoch, dass sich nach 10 bis 14 Tagen die Jungtiere bereits umfärben. Diese Umfärbung geschieht recht schnell und bleibt so lange erhalten, bis die Tiere das Nesthaar verlieren.
Mit 5 bis 6 Wochen beginnen farbliche Veränderungen an der Schnauzpartie, den Vorderläufen und über den Augen. Diese Veränderungen schließen auch die Brust mit ein. Sie wird ganz hell, fast weiß. In diesem Stadium sehen die Tiere aus, als hätten sie Augenbrauen. Dieser Prozeß verläuft bis zur 14. Woche.
Damit ist die Jugendfärbung abgeschlossen. Bis dahin zeigen die Jungtiere (typisch) auch noch den sogenannten Seitenstreifen. Während die Dunkelsiam, wie bereits angeführt, den Seitenstreifen ein Leben lang behalten, verlieren die Typsiam nach dem Jugendalter diese fehlerhafte Zeichnung. In diesem Alter ist oft vom Rückenstreifen noch nichts zu sehen. Nach einem kurzen Stillstand beginnen die Tiere mit der Umfärbung zum Hochzeitskleid. Dieser Prozeß beginnt mit ca. 16 bis 18 Wochen. In einem unauffälligen Vorgang bilden sich Deckfarbe und Abzeichen systematisch heraus. Die Maske wird als erstes Zeichnungsmerkmal ausgebildet und ausgefärbt. Aus der Farbe der Maske kann man schon erste Schlüsse ziehen. Eine kräftig gefärbte Maske deutet auf schöne Abzeichen hin. Ob das Tier auch den angedeuteten Rückenstreifen bekommt, ist in diesem Stadium noch nicht abzuschätzen. Im Alter von 20 bis 28 Wochen ist die Ausfärbung abgeschlossen.
Vereinzelt treten bei den Siamesen Tiere mit viel Schleier auf, der störend wirkt , weil er die Deckfarbe und auch die Abzeichen abschwächt.

Ziel muß es sein, Siamesen ohne diesen Grauschleier zu züchten, damit der Gelbton in der Deckfarbe, aber auch die Abzeichen in ihrer vollen Schönheit sichtbar werden.
Dieser lange Zeitraum von 8 Wochen bis zur Ausfärbung des „Hochzeitskleides“ ist durchaus möglich, weil Klima, Haltung, Fütterung und vor allem die Tierbehandlung eine große Rolle spielen.

Es ist auch möglich, daß Tiere ihre Ausfärbung nicht beenden und unfertig bleiben. Das kann verschiedene Ursachen haben. Hauptursache sind meist Fütterungsfehler oder eine unsachgemäße Futterumstellung. Auch leichte Erkrankungen des Verdauungstrakts können diesen Mangel hervorrufen. Oft werden Jungtiere mehrmals in andere Buchten umgesetzt. Die Änderung der Gewohnheiten kann ebenfalls Auslöser sein. Nach dem Absetzen sollten Jungtiere in ihrer gewohnten Box und Umgebung bleiben, weil es sich vorteilhaft auf ihre Entwicklung und die Umfärbung auswirkt.
Die Folge der angeführten Fehler sind Fleckigkeit, wie wir sie auch beim Marderkaninchen kennen. Von Fleckigkeit können aber nicht nur Jungtiere, sondern auch Alttiere betroffen sein, wenn die aufgeführten Ursachen vorliegen.

Das Siamesenkaninchen dunkelt ebenfalls mit jeder Haarung nach. Während das Marderkaninchen immer dunkler in der Deckfarbe wird, bis es fast schwarz ist, wird das Siamesenkaninchen nur von einem dunklen Schleier überzogen, der durch Deckhaar und Grannenhaar hervorgerufen wird. Dieser Schleier ist uns von Thüringerkaninchen bekannt. Er verstärkt sich von Jahr zu Jahr mehr.
Ist ein Tier nach einem Jahr bzw. einer Zuchtperiode noch ausstellungsfähig, also ohne den reichlich dunklen Schleier, der die Abzeichen verschwinden und das Tier fast einfarbig wirken läßt, so handelt es sich um ein wertvolles Zuchttier im Rassenwert. Solche Tiere bilden die Eckpfeiler der Zucht. Sie sollten, solange sie „Leistung“ bringen, im Zuchtbestand verbleiben. Unter „Leistung“ verstehe ich große Würfe, hohe Milchleistung, hohe Aufzuchtleistung, sg-Nestbau und sg-Mütterlichkeit.
Einige Punkte dieser angeführten Leistung sind entscheidend für den normal verlaufenden Umfärbungs- und Umhaarungsprozeß. Ohne auf die Fütterung näher eingehen zu wollen, möchte ich vor allem junges Grünfutter empfehlen, was die Jungtierentwicklung unterstützt. Im Grünfutter sind alle wichtigen Stoffe, die eine normale Entwicklung fördern. Wie oft und in welcher Menge Grünfutter angeboten wird, ist vom Alter der Jungtiere und von ihrer Gewöhnung abhängig.

Anmerkung: Ich möchte mich beim Preisrichterkollegen Alfred Franke, Berlin, für die zur Verfügung gestellten Materialien bedanken.

Joachim Kapp
 

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