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20. November 2017 |
Tipps für Anfänger Kaninchenrassen Schaukalender

Myxomatose

Geschwollene, eitrige  Augenlider; geschwollene, stark verdickte, eitrige Ohren. Diese Symptome sind charakteristisch für die Myxomatose der Kaninchen. Eine Erkrankung, welche jährlich immer mit Beginn der warmen Jahreszeit auftritt und viele Zuchten bedroht und ihnen teilweise große Verluste zufügt.

Fotolia.com #56840227, Erni

Was versteckt sich hinter dieser Erkrankung?

Es ist eine Erkrankung, welche ausgelöst wird durch ein Virus, welches den Pockenviren und im speziellen der Untergruppe der Kaninchenpocken zugeordnet wird (Leporipoxvirus myxomatosis). Sie gehört, neben der RHD, zu den aus wirtschaftlicher Sicht betrachtet bedeutendsten Viruskrankheiten der Kaninchen. Betroffen sind, neben Hauskaninchen, auch die wildlebenden Kaninchen. Feldhasen sind gegenüber der Myxomatose weitestgehend unempfindlich. Die Übertragung der Krankheit erfolgt auf verschiedenen Wegen. Einer davon ist der Kontakt von Tier zu Tier. Weiterhin möglich sind die Übertragung mittels Gerätschaften und durch das betreuende Personal. Der Hauptübertragungsweg sind aber stechende und fliegende Insekten (Fliegen, Mücken, Zecken, Milben, Läuse, …). Aber auch kontaminiertes Grünfutter besitzt eine nicht zu unterschätzende Bedeutung bei der Übertragung, ebenso wie der Kaninchenfloh. Das Virus  wird hauptsächlich über die erkrankten Schleimhäute (Nasen-, Augen-, Maulschleimhaut) ausgeschieden. Aber auch die Genitalschleimhaut stellt ein Verbreitungsreservoir dar. Das Auftreten der Myxomatose ist aber an bestimmte Vektoren und Voraussetzungen gebunden. So spielen neben den lebenden Vektoren (Zecken, Fliegen, …) die geographische Lage, klimatische Bedingungen, biologische und ökologische Einflüsse eine große Rolle. Feuchtgebiete, im Zusammenspiel mit entsprechenden Witterungsbedingungen, stellen demnach ein großes Reservoir für stechende und saugende Insekten dar. Dies erklärt das gehäuftere Auftreten der Erkrankung in Flussauen und Feuchtgebieten, finden doch dort stechende Insekten hervorragende Bedingungen, um sich zu vermehren und zu verbreiten. Aber auch Trockengebiete stellen keinen sicheren Schutz dar.

Krähen, Bussarde, Stare sowie Nieder- und Raubwild treten als Vektoren für die Übertragung auf. So kann durch diese der Erreger über erkrankte und gefallene Kaninchen, welche ihnen als Nahrung dienen, über große Entfernungen weiterverbreitet werden. Aber auch der Tierhandel, Ausstellungen, unkontrollierter Personenverkehr, sowie die Gewinnung von Futter von verseuchten Flächen stellen Verbreitungswege dar.

Das Bild zeigt das Myxovirus unter dem Elektronenmikroskop. Foto:
Landesuntersuchungsanstalt für das Gesundheits- und Veterinärwesen Sachsen.

Der Erreger ist kein starres Gebilde. Er ist wandelbar und es sind inzwischen 400-500 verschiedene Typen bekannt. Diese Typen besitzen auch eine unterschiedliche Virulenz. Dies ist auch die Ursache dafür, dass nicht jeder Seuchenzug gleich verläuft. Je nachdem, welcher Typ auftritt, ist der Verlauf aggressiver oder weniger aggressiv. Deshalb werden die Impfstoffe in regelmäßigen Abständen der aktuellen Situation angepasst.

Geschichtliches

Die erste Beschreibung der Myxomatose erfolgte im Jahr 1886 durch Prof. Sanarelli in Uruguay. Er diagnostizierte bei importierten Tieren anhand klinischer Symptome die Erkrankung und konnte sie im Tierversuch replizieren. Dies war gleichzeitig der Nachweis, dass es sich bei dieser Erkrankung um eine Infektionskrankheit handelt.

1927 gelang die genaue Differenzierung und Beschreibung des Virus der Myxomatose und es erfolgte die Zuteilung zur Gruppe der Pockenviren. 1928 bis 1930 gab es vereinzelt Ausbrüche in Kalifornien. Großangelegte Versuche in den Jahren 1937 bis 1943 bestätigen die Theorie, dass die Krankheit durch blutsaugende Insekten übertragen wird. Bereits 1788 wurden gemeinsam mit den ersten Siedlern auch Kaninchen in Australien eingeführt und in Ställen gehalten. 1859 ließ ein Farmer 24 Tiere frei. Da es dort an natürlichen Feinden mangelte, kam es zu einer raschen Ausbreitung über den gesamten Kontinent. Diese unkontrollierte Vermehrung führte dazu, dass die einheimische Flora und Fauna stark gefährdet wurde. Um dieser Plage Herr zu werden, wurde der „Rabbit-Proof Fence“ (kaninchensicherer Zaun) gebaut. In den Jahren von 1901 bis 1908 wurden 3 Teilzäune mit einer Gesamtlänge von 3256 km errichtet, deren Gesamtkosten mit 337.841 Pfund Sterling beziffert wurden.

Letztendlich konnte auch dieses Bauwerk die Plage nicht vollständig eindämmen. Sogenannte „Kanincheninspektoren“ fuhren mit ihren Kamelwagen die Zäune ab, um noch vorhandene Tiere zu zählen. Obwohl der Zaun schnell marode wurde und die Erhaltung nicht ganz befriedigend war, konnte doch die Population erfolgreich überwacht werden. 1927 wurde in Erwägung gezogen, infizierte Tiere auszusetzen und so der Kaninchenplage entgegenzuwirken. Dieser Plan wurde 1942 bis 1943 umgesetzt und scheiterte. In einem weiteren Versuch wurde ein hochinfektiöser Myxomatosestamm in die Kaninchenpopulation eingebracht (1952-1955). In einzelnen Gebieten starben bis zu 99,8 % der Kaninchen. Seit dieser Zeit wird diese Methode dort angewandt, wenn die Population bestimmte Grenzen überschreitet. Dann werden infizierte Köder (vorzugsweise zucker- und wasserhaltiges Gemüse) ausgebracht.

In Australien wird der Schaden für die Umwelt und die Landwirtschaft, welcher durch die Kaninchen verursacht wird, auf jährlich 600 Millionen bis 1 Milliarde Australische Dollar geschätzt. 1952 versuchte der französische Professor Dr. Paul Amand-Delille mit Hilfe der Myxomatoseviren einer Überpopulation von Wildkaninchen auf seinem Landsitz Herr zu werden. Dazu besorgte er sich aus der Schweiz den brasilianischen Myxomatosevirusstamm und infizierte damit Wildkaninchen. Der Erfolg war so überwältigend, dass Nachbarn infizierte Tiere einfingen und auf dem eigenen Anwesen wieder frei ließen. Damit begann der „Siegeszug“ der Myxomatose in Europa. Es brauchte nur 2 Jahre, um den ganzen Kontinent zu erobern. 

Über Belgien, die Niederlande, Luxemburg, Spanien kommend, konnte 1953 der erste Fall in Deutschland registriert werden, im Mannheimer Stadtpark. In der DDR wurde die Erkrankung erstmalig 1953 im Bezirk Leipzig diagnostiziert. In dieser Zeit wurden auch erste Fälle von Myxomatose bei Feldkaninchen festgestellt. Rasant breitete sie sich über Tschechien, Österreich, Schweiz, Polen und Schottland aus, um 1960 bis 1962  Dänemark, Schweden und die Insel Gotland zu erreichen. Die Myxomatose verbreitete sich rasend schnell mit einer Geschwindigkeit von bis zu 400 km/Jahr. Sie wirkte sich ähnlich vernichtend aus, wie in Australien. Es gibt Landstriche, welche sich bis heute nicht von diesem Seuchenzug erholt haben.

Übertragung

Der Erreger besitzt eine hohe Widerstandsfähigkeit. Kälte und Trockenheit können der Virulenz keinen Abstrich machen. So bleibt der Virus in verendeten Kadavern bis zu 300 Tage lang ansteckungsfähig. Deshalb stellen kranke, verendete, in der Natur liegende Tiere ein großes Risiko für Ausbrüche dar. Aber auch der ordnungsgemäßen Entsorgung verendeter Tiere aus den Haltungen kommt  in diesem Zusammenhang große Bedeutung zu. So sollten verendete und getötete Tiere, was nach dem Gesetz sowieso nicht erlaubt ist, nicht einfach in den „Wald“ gebracht, sondern der Tierkörperverwertung zugeführt oder ordnungsgemäß, unter Beachtung örtlicher Regelungen, sicher vergraben werden. Wärme mit Temperaturen von 50-60 °C tötet den Erreger ab.

Nach Dr. Rainer Holubek (IDT Dessau) entwickelte das Myxomatosevirus verschiedene Überlebensstrategien:

1.    Das Virus überlebt in (!) stechenden, blutsaugenden Insekten, die als    
       Überträger der Myxomatose bekannt sind.
2.    Das Virus überlebt in infizierten Kaninchen.
3.    Das Virus sucht sich vorübergehend andere stechende Insekten, die       
       bisher nicht als Myxomatoseüberträger bekannt sind.
4.    Das Virus sucht sich vorübergehend andere Wirte.

Deshalb kann mit Sicherheit davon ausgegangen werden, dass Viren in Stechmücken überwintern. Mücken, die Viren bei infizierten Kaninchen aufgenommen haben, sind in der Lage, diese bei der nächsten Blutmahlzeit an gesunde Tiere weiterzugeben. Dabei kann der Zeitraum von der Aufnahme bis zur Weitergabe bis zu 7 Monate betragen.

Krankheitsverlauf

Die klinische Darstellung der Krankheit kennt 3 verschiedene Verläufe. Den akuten, den perakuten und den protrahierten Verlauf. Beim akuten Verlauf treten nach einer Inkubationszeit von 3-5 Tagen die ersten Symptome auf, wie Lichtscheue, schnell eitrig werdende Lidbindehäute, Schwellung und Entzündung der Augenlider. Anschließend kommt es zur Ausbildung ausgeprägter ödematöser bis fester Schwellungen im Kopfbereich. Besonders betroffen sind Lippen, Nasen und Ohren. Es kommt zur Ausbildung eines sogenannten Löwenkopfes. Gleichzeitig kommt es zur Schwellung der Anal- und Genitalregion und zur Ausbildung einer eitrigen Rhinitis, welche mit Atembeschwerden einhergeht. In der Regel gehen die Tiere um den 10. Tag nach Auftreten der ersten Symptome ein. Mit Myxomatose infizierte Wild-
kaninchen verkriechen sich nicht in ihre Baue, sondern verenden, im Gegensatz zu anderen Krankheiten, meist außerhalb und stellen deshalb ein besonderes Erregerreservoir dar.

Die Morbiditätsrate (Anzahl der erkrankten Tiere einer Population oder eines Bestandes) im akuten Geschehen beträgt 93 bis 99,8 %. Ebenso hoch ist in diesem Stadium die Mortalitätsrate (Anzahl der Sterbefälle zum Durchschnittsbestand einer Population).

Der perakute Verlauf ist dadurch gekennzeichnet, dass die klinischen Symptome sich nicht oder nur unvollständig ausbilden und die Tiere innerhalb kürzester Zeit verenden.

Der protrahierte Verlauf ist dadurch gekennzeichnet, dass sich durch die anhaltende Dauer des Auftretens der Erkrankung die Symptome
ändern. Er ist auch durch eine geringere Infektions- und Todesrate gekennzeichnet. Charakteristische ödematöse Schwellungen fehlen. An deren Stelle treten knotige, scharf umschriebene Haut- und Unterhautverdickungen auf, meist im Bereich der Ohren, Lippen, Nase und Extremitäten. In dieser Verlaufsform kann es zum teilweisen Gesunden der Tiere kommen. In der Regel stellen aber überlebende Tiere eine große Gefahr dar, da sie zu Dauerausscheidern werden.

Symptome

Die Diagnose der Myxomatose lässt sich anhand der typischen Symptome relativ sicher stellen. Die Therapie erkrankter Tiere ist ohne Erfolg, so dass eine Merzung erkrankter Tiere die Ultima Ratio darstellt.

Prophylaktisch ist die Durchführung von Schutzimpfungen zu empfehlen. Beim Einsatz dieser sind die Impfanweisungen der Impfstoffhersteller strikt zu beachten, um eine belastbare Immunität bei den Tieren zu erzielen. Weitere Maßnahmen zur Verhinderung der Einschleppung der Erkrankung ist die gezielte Insekten- und Schadnagerbekämpfung im und um den Stall. Alle Maßnahmen, die die Vermehrung von stechenden Insekten verhindern (regelmäßiges Ausmisten, trockene Ställe, …) sind auszuschöpfen. Aber auch bei der Futtergewinnung sollte ein Augenmerk darauf gelegt werden, ob die Wiesen von Wildtieren mit benutzt werden oder sich im Umfeld in der Wildtierpopulation vermehrt Todesfälle häufen.

Es ist eine genaue Beobachtung der Tiere erforderlich, um erkrankte Tiere schnellstmöglich zu erkennen und aus dem Bestand zu entfernen. Eine Behandlung der Myxomatose ist nicht möglich. Erkrankte Tiere sind unverzüglich aus dem Bestand zu verbringen, um die anderen Tiere zu schützen. Die Tötung der Tiere hat unter Beachtung tierschutzrelevanter Vorgaben zu erfolgen. Erkrankte Tiere dürfen nicht (!) dem menschlichen Verzehr zugeführt werden.

Die Myxomatose ist keine (!) meldepflichtige Tierseuche. Dies macht es auch so schwierig, genau nachzuvollziehen, wie sich ein Seuchenzug entwickelt. Aber jeder kann mithelfen, andere Züchter zu warnen und ein frühzeitiges Informationssystem zu unterstützen. Eine Meldung der Erkrankungsfälle an den betreuenden Tierarzt, welcher sie weiterleitet oder eine Meldung direkt an die „IDT Biologika Dessau“ führt zu einer Bündelung der Daten.

Abschließend sei noch angemerkt, dass nach Jahren der Ruhe, plötzlich über Nacht die Krankheit ausbrechen und massive Verluste verursachen kann. Nur eine Impfung des gesamten Bestandes kann erfolgreich vor dieser Erkrankung schützen.


Dipl. vet. med. Frank Scholz
Tierschutzbeauftragter im LV Sachsen
 

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