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16. Dezember 2018 |
Tipps für Anfänger Kaninchenrassen Schaukalender

Die Blaugrauen Wiener

1,0 Blaugraue Wiener
22. Bundes-Rammlerschau 2009 in Kassel
Bundessieger,
97,5 Pkt
Dr. Wilhelm Hippe, Duderstadt

Erfolgsgeschichte einer anspruchsvollen Rasse

Die Geschichte eines mittelgroßen blaugrauen Kaninchens lässt schon auf eine fast hundertjährige Geschichte mit Höhen und Tiefen zurückblicken. Für etwa drei Jahrzehnte waren sie zwischenzeitlich in der Kaninchenzucht nicht relevant, bis sie Anfang der 90er Jahre als Neuzüchtung wieder auftauchten.
 
Ursprünglich wurden im Raum Lübeck in den 20er und 30er Jahren vom Züchter M. Walter die Lübecker Großfeh erzüchtet, die auch regional etliche Mitzüchter begeistern konnten. In der gleichen Zeit gab es auch das Honnefer Riesenfeh, das von den Züchtern Monschau und Westhaven im Rheinland herausgezüchtet wurde. Ziel war es zu der damaligen Zeit, eine frohwüchsige wirtschaftliche Rasse mit einem attraktiven und vor allem großen Fell zu erzüchten. Durch die verschiedenen Zuchtrichtungen wurden die Tiere zeitweise auch unter den Riesenkaninchen eingeordnet. Diese „blaugrauen Riesen“ hatten wahrscheinlich außer der Farbgebung mit heutigen Blaugrauen Wienern wenig gemeinsam. Der Züchter M. Walter im Raum Lübeck verfolgte schon damals die Richtung, ein blauwildfarbiges Kaninchen mit dem Typ des Wienerkaninchens zu züchten. Hierzu wurden auch Blaue Wiener eingekreuzt.  Im Zuge der Überarbeitung der Reichsbewertungsbestimmungen im Jahre 1936 wurde die Anzahl der Rassen reduziert und es wurde der blaugraue Farbenschlag unter den andersfarbigen Wienern geführt.
 
Insgesamt ist über die Geschichte der Blaugrauen Wiener bzw. deren Ursprungsrassen in der Literatur wenig bekannt. Nach dem 2. Weltkrieg waren sie fast gänzlich verschwunden. Auf wenigen Schauen wurden noch einzelne Tiere gezeigt. Deutlich stärker vertreten waren die Weißen und Blauen Wiener. Und auf Grund der geringen Verbreitung waren die damaligen Blaugrauen in der Qualität nicht so ausgeglichen, wie die Weißen oder Blauen. Im Einheitsstandard von 1961 wurden die Blaugrauen Wiener dann nicht mehr geführt. Erst rund 30 Jahre später sollte die Geschichte dieser Rasse fortgesetzt werden. Dirk Wortmann aus Hilter am Teutoburger Wald, im Kreis Osnabrück fasste 1990 den Entschluss, die Rasse neu zu erzüchten. 
 
 
In einem seiner Editorials der Kaninchenzeitung, deren Redakteur er später war, schrieb er einige interessante Zeilen zur Entstehung der Rasse. So ging es in der Zucht sicherlich nicht stetig bergauf. Gerade bei einer Neuzüchtung musste man immer wieder Rückschläge verkraften. Schon sein damaliger Vereinskollege und Preisrichter Joachim Preuß riet ihm im Vorfeld von seinem Vorhaben ab. Doch als Zuchtfreund Wortmann sich von seinem Vorhaben nicht abbringen ließ, unterstützte er die Herauszüchtung mit exzellenten Blauen Wienern aus seiner Zucht. 
 
Es muss während der Allgemeinen Niedersächsischen Kaninchenschau 1992 gewesen sein als ich die Blaugrauen Wiener das erste Mal sah. Dirk Wortmann hatte ein paar Tiere mitgebracht, um sie dem damaligen Landesverbandsvorsitzenden Günter Rektor zu zeigen. Selbst nach nur zwei Jahren Zuchtarbeit waren es damals schon sehr ansprechende Tiere. Als Neuzüchtung wurden die Blaugrauen Wiener dann erstmals 1993 auf der Bundes-Rammlerschau in Oldenburg vorgestellt. Die 11 Tiere konnten überzeugen und wurden überwiegend mit „sehr gut“ bewertet. Die weitere Verbreitung der Rasse schreibt Zuchtfreund Wortmann hauptsächlich der Unterstützung der Clubzüchter zu. Diese haben geholfen, die Blaugrauen Wiener schnell über die gesamte Republik zu verteilen. Ein fester Stamm an Züchtern hat es mit Ausdauer und züchterische Arbeit geschafft, die Blaugrauen Wiener 1997 zur Anerkennung zu bringen. In den ersten Jahres war es noch möglich, alle Züchter zu erfassen und die Verbreitung genauestens zu verfolgen. In einer Tabelle von Juli 1997 hat Dirk Wortmann 17 Landesverbände mit 49 Zuchten aufgeführt. Mit jeweils sieben Züchtern liegen der Ursprungs-Landesverband Weser-Ems sowie der Landesverband Württemberg-Hohenzollern - die neue Wahlheimat des Herauszüchters – vorne. Ab diesem Zeitpunkt konnte die Rasse einen stetigen Aufwärtstrend verzeichnen. Insbesondere auf der 29. Bundes-Kaninchenschau 2009 in Karlsruhe mit 180 Tieren und auf der 30. Bundes-Kaninchenschau 2011 in Erfurt mit 204 Vertretern erreichte die Rasse ihren Höhepunkt. Ebenso die Statistiken der TGRDEU bestätigen die nach wie vor große Beliebtheit der Rasse.
 
Das Gewicht
 
Das Idealgewicht der Blaugrauen Wiener liegt bei über 4,25 kg bis 5,25 kg. Hier gelten die gleichen Forderungen wie bei den Blauen Wienern. Das Normalgewicht sollte mit sechs bis sieben Monaten erreicht sein.
Im ausgewachsenen Zustand der Tiere dürfte der Wienertyp mit um die 5 kg am besten zur Geltung kommen. Eine gleichmäßige Entwicklung des gesamten Wurfes, auch bei acht und mehr Jungtieren sollte ein Zuchtziel sein. Dirk Wortmann empfiehlt, keine Tiere in die Zucht einzusetzen, die mit neun Monaten noch keine 4,6 bis 4,7 kg wiegen.
 
Körperform, Typ und Bau
 
Auf diese Position sollte der Züchter der Blaugrauen Wiener ein besonderes Augenmerk legen, denn diese sollen den Wienertyp verkörpern. Gefordert wird ein walzenförmiger, leichter gestreckter Körper mit einer mittelhohen Stellung, der dem Kaninchen eine Eleganz verleiht. Etwas massige Typen ohne Bodenfreiheit sollten vom Preisrichter bei der Bewertung entsprechende Hinweise bekommen. Zur Zucht sollten solche Rassevertreter eher nicht eingesetzt werden. Die Rückenlinie soll ebenmäßig und hinten gut abgerundet sein. Der Körper ist vorne und hinten möglichst gleich breit. Die Häsinnen sollen möglichst wammenfrei sein. Dieses Zuchtziel ist in vielen Stämmen schon verankert und kann durch eine sorgsame Fütterung positiv unterstützt werden.
 
Sehr dichtes Fellhaar gefordert
 
Der Standard fordert ein mittellanges und sehr dichtes Fellhaar mit einer guten Begrannung. Die Haarlänge von etwa 3 cm verfügt über eine gut entwickelte Begrannung. Auch hier gilt es, das passende Mittelmaß zu finden. Ein kürzeres Fell mit einer weniger überstehenden Granne würde die typische Schattierung der Blaugrauen Wiener verhindern. Es wird keine Perlung wie bei den Perlfeh gewünscht. Deshalb sollten die Grannenhaare schon deutlich überstehen, aber auch nicht zu lang sein. Sehr lang überstehende Grannenspitzen, wie sie in einzelnen Zuchten der Blauen Wiener anzutreffen sind, sollten bei der Bewertung mit entsprechender Kritik zu Punktabzug führen.
Des Weiteren ist auf eine gute Behaarung der Ohren zu achten.
 
Kopf und Ohren unterstreichen den Wienertyp
 
Der Kopf soll kräftig sein und eine gut ausgeprägte Backenbildung aufweisen. Die Stirn- und Schnauzpartie ist bei beiden Geschlechtern breit, wobei der Rammler einen markanteren Kopf als die Häsin hat und von dieser gut zu unterscheiden ist. Die Ohren sollen gut aufgesetzt und leicht v-förmig getragen werden. Es muss darauf geachtet werden, dass diese weder dünn noch faltig sind. Sie sollen den Wienertyp unterstreichen und in ihrer Länge harmonisch zum Körper passen. Dirk Wortmann beschreibt das Idealmaß mit einer Länge von etwa 11 bis 12 cm.
 
Hinsichtlich der Kopfform haben sich Häsinnen, die auch als solche zu erkennen sind, im Allgemeinen als leistungsfähiger und zuverlässiger erwiesen. Es ist für die Zucht schon entscheident, keine Häsinnen mit Rammlerköpfen einzusetzen. Dieses sollte auch vor dem Hintergrund von eventuell auftretenden Zahnfehlstellungen berücksichtigt werden.
 
1,0 Blaugraue Wiener,
97,0 Pkt., Bundessieger,
28. Bundes-Kaninchenschau Bremen 2007,
Dirk Wortmann, Reutlingen
Die blauwildfarbige Deckfarb
 
Bezüglich der Deckfarbe möchte ich den Herauszüchter, Zuchtfreund Wortmann zitieren: „Die Deckfarbe, das Hauptrassemerkmal der Blaugrauen Wiener, kommt überein mit der Färbung der Grauen Wiener. Der Unterschied besteht lediglich darin, dass alle Haarzonen, die beim Grauen Wiener schwarz sind, bei den Blaugrauen blau gefärbt sind. Genaugenommen erscheinen die Grannenspitzen allenfalls blau; die Einlagerungsintensität er schwarzen Pigmente im einzelnen Haar ist stark vermindert.“
 
In Bezug auf die gewünschte flockige Schattierung, die durch die blau gespitzten Deck- und Grannenhaaren hervorgerufen wird, führt er weiter aus, dass diese natürlich maßgeblich von der inneren Fellstruktur und der Felllänge abhängig ist. Bei etwas längeren Fellen ist die Schattierung meistens sehr stark und das Tier zeigt eine dunkle, manchmal sogar fast einfarbige Decke. Bei sehr kurzen Fellen hingegen können die überstehenden Grannenspitzen manchmal schon fast fehlen. Die Deckfarbe ist dann deutlich heller und wirkt matter. Es ist also eine mittlere Schattierung mit einer schönen Begrannung anzustreben. Im Standard sind die hellen, mittleren und dunklen Abtönungen zugelassen. Aber auch hier wird klar darauf hingewiesen, dass die mittlere Nuance vorzuziehen ist.
 
Die Brust, die Flanken und die Läufe dürfen sich leicht von der Deckfarbe abheben. Es ist aber trotzdem eine möglichst gleichmäßige Deckfarbe anzustreben. Des Weiteren ist darauf zu achten, dass die Blaugrauen keine hellen Bindenansätze an den Vorläufen zeigen. Ebenso zählt eine hellere Deckfarbe der Brust zu den leichten Fehlern.
 
Die Wildfarbigkeitszonen, sprich die Augen- und Kinnbackeneinfassung, sowie die Innenseiten der Läufe werden gräulichweiß bis cremefarbig.
 
An den Ohren ist auf eine rein blaue Säumung zu achten. Diese sollte nicht mit andersfarbigen Haaren durchsetzt sein. Vor allem eine Durchsetzung mit weißen Haaren darf nicht sein. Darauf sollte auch in der Zucht genauestens geachtet werden. Der bräunliche Genickkeil soll klein und nicht scharf abgegrenzt sein. Bezüglich der Blume ist auf eine intensive Sprenkelung zu achten. Eine schwach gesprenkelte Blume führt bei der Bewertung zu Punktabzügen.
 
Die Bauchdeckfarbe und die Unterseite der Blume sollen weiß bis cremefarbig sein. Hier haben wir einen Unterschied zu den Perlfeh. Bei diesen wird die Bauchdeckfarbe nämlich hell bis hellgrau verlangt.
 
Die Augenfarbe muss blaugrau sein. Die Preisrichter, aber vor allem auch die Züchter, müssen darauf achten, dass keine Tiere mit braunen Augen in die Zucht eingesetzt werden.
 
Die Krallenfarbe wird hornfarbig gefordert. Diese kann je nach Deckfarbe auch hell- oder dunkelhornfarbig sein.
 
Zwischen- und Unterfarbe
 
Die ideale Breite der Zwischenfarbe beträgt 5 bis 8 mm. Sie ist braun bis bräunlichrot und geht fließend in die Deckfarbe über. Nur zur Unterfarbe hin ist sie scharf abgegrenzt. Die Unterfarbe nimmt die Hälfte bis zwei Drittel der Haarlänge ein; an der Blumenunterseite bleibt sie unberücksichtigt. Auch am Bauch muss die Unterfarbe durchgehend sein. Wenn diese nur im Brust- und Schoßbereich vorhanden ist, führt das bei der Bewertung zu Punktabzügen.
Ein stark durchsetzte oder rein weiße Unterfarbe wird mit „nicht befriedigend“ bewertet. In der Praxis hat sich gezeigt, dass die Entwicklung der Zwischen- und Unterfarbe bei den Jungtieren manchmal erst mit einem halben Jahr abgeschlossen ist. Man sollte diesbezüglich nicht zu früh selektieren.
 
Gegenwart und Zukunft
 
Die Blaugrauen Wiener haben sich seit ihrer Anerkennung zum Zuchtjahr 1997 rasant verbreitet und von Anfang an einen hohen Zuchtstand verkörpert. Auf vielen Großschauen wurden viele Zuchtgruppen mit herausragenden Ergebnissen gezeigt. Kaum eine neue Rasse der letzten Jahrzehnte hat eine solche Erfolgsgeschichte zu erzählen. Zu Anfang, so erzählte Dirk Wortmann, waren ihm immer alle Züchter der Blaugrauen Wiener bekannt. Doch das war nach der Anerkennung dann relativ schnell nicht mehr möglich. Mittlerweile werden die Blaugrauen auch von vielen Züchtern gezüchtet, die nicht unbedingt auf Landes- oder Bundesschauen ausstellen.
 
Die Blaugrauen Wiener werden auch zukünftig die Farbpalette der Wienerkaninchen bereichern.
 
Michael Gerker
Quellnachweis:
Dirk Wortmann,  Blaugraue Wiener, Das Blaue Jahrbuch 1998, Oertel+Spörer Reutlingen
Henry Majaura, Blaugraue Wiener, Kaninchenzeitung Nr.16/2007
Standard 2004, Zentralverband Deutscher Kaninchenzüchter e.V., Ausgabe 2004
 

 

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